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erstellt von: krawatten, am 21.01.2011 11:45 , Clicks: 4581

Krawatte als Politikum

Von der gesellschaftlichen Funktion eines Accessoires


Große Aufregung im Deutschen Bundestag: 1983 zogen die Grünen in das Parlament ein. Und zogen nach damaligen Maßstäben offenbar alle Register der Provokation. Nicht nur, dass sie einen erhöhten Frauenanteil hatten und teilweise in Turnschuhen oder strickend den Debatten beiwohnten. Sie liefen auch demonstrativ ohne Krawatte auf. Das untergrabe die Autorität des Hauses und sei der Würde eines politischen Gremiums nicht angemessen, lautete der Aufschrei.


Grabenkämpfe, die längst vergangenen Epochen angehören, sollte man meinen. Wohlgemerkt: sollte man meinen. Das Bundestagspräsidium setzte Schriftführer ab, die ohne Krawatte erschienen waren. Die Abgeordneten Andrej Hunko (Linke) und Sven-Christian Kindler (Grüne) wurden ihres Dienstes auf dem Präsidiumspodium enthoben. Als Linken-Politiker Alexander Süßmair aus Solidarität ebenfalls ohne Krawatte auflief, wurde er gleichfalls umgehend verwiesen.


So geschehen nicht etwa in grauer Vorzeit, sondern im Januar 2011.


Dass derart strenge Auslegungen der Würde des Parlaments nicht unwidersprochen bleiben würden, war klar. Die Blümchenkrawatte so manches Abgeordneten gefährde das Ansehen der Demokratie in sehr viel schwererer Weise, sah sich Kindler zu einem Statement genötigt. Zudem ist dieser Krawattenzwang nicht etwa in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages geregelt, sondern lediglich durch eine unklare interne Arbeitsanweisung.


Derartige Streitfälle kannte man hierzulande zuvor sonst nur aus Gerichtssälen, wo ohne weiße Krawatte erschienene Anwälte von der Verhandlung ausgeschlossen wurden. In einem Fall genügte es dafür schon, dass die Krawatte zeitweise durch einen Pullover verdeckt war. Dabei sieht die aktuelle Berufsordnung für Rechtsanwälte nicht einmal mehr deutlich das Tragen einer Krawatte vor.


Im Bundestag jedenfalls wurde die Posse zum Politikum, das fraktionsübergreifend Fronten bildete und bereits eine längere Debatte und eine Intervention des Ältestenrates zur Folge hatte.


Nun, politische Auseinandersetzungen um den Binder sind nicht neu. Auch wenn die 68'er in der Krawatte das Symbol des Establishments schlechthin und somit ein Feindbild entdeckten, ist sie doch ein durch und durch politisches Kleidungsstück. In vielen kreativen Berufen und unter Geisteswissenschaftlern ist sie geradezu verpönt. Dort trägt man das Hemd lieber offen oder höchstens noch mit einem locker um den Hals geschwungenen Krawattenschal. Dabei kann man sich in guter Gesellschaft fühlen: schon Schiller verzichtete demonstrativ auf den Binder.


Seit den Tagen des Sonnenkönigs Louis XIV. galt die Krawatte auch als Inbegriff von Dekadenz. Kein Wunder, verbrachte doch der Höfling von Welt oft mehrere Stunden mit dem Binden seiner kunstvollen seidenen Schleife. Der Monarch selbst beschäftigte sogar eigens einen „Cravatier“ für diese Aufgabe.


Die französischen Revolutionäre hingegen setzten statt dessen auf einfache Halstücher und Halsbinden, meist in rot, um jede Verwechslung mit den weißen Bindern der Adeligen auszuschließen. Das Beispiel machte Schule. Auch in der – zunächst nicht besonders erfolgreichen, aber langfristig sehr wirkungsvollen – deutschen Revolution von 1848 sah man rote Tücher, ebenso in der berüchtigten Oktoberrevolution in Russland 1917.


Auch die Frauenbewegung interessierte sich früh für die Krawatte, das „Symbol hegemonialer Männlichkeit“. Die frühen Frauenrechtlerinnen um 1900 trugen den Binder, um ihre Gleichheitsbestrebungen zu untermauern. In dieser Tradition kann sich viellleicht, wenn auch mit anderen Vorzeichen, die Bundestagsabgeordnete Agnes Alpers (Linke) fühlen: als sie für ihre krawattenlosen Kollegen auf den Sitz des Schriftführers aufrückte, trug sie ironischerweise Krawatte – und zwar eine rote.



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